In Zeiten sich rasch wandelnder sicherheitspolitischer Bedrohungen gewinnt die Frage nach wirksamen Mitteln strategischer Vorausschau zunehmend an Bedeutung. Ein vielbesprochenes, jedoch oft missverständliches Instrument ist das Wargaming. Dieser Artikel in stratos, die wissenschaftliche Zeitschrift der Schweizer Armee, widmet sich diesem Thema und plädiert für eine bewusste Etablierung einer nachhaltigen Wargaming-Kultur innerhalb der Schweizer Verteidigungsstrukturen. Was auf den ersten Blick wie ein akademisches Nischenthema erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als zentraler Baustein für organisationale Resilienz und innovationsfähige Entscheidungsfindung unter Unsicherheit.

Dieser Artikel von SWG Gastautor Nicolas Penseyres erschien in “stratos”, der militärwissenschaftlichen Zeitschrift der Schweizer Armee, in Ausgabe #1-26 im Juni 2026. Nicolas ist Leiter Wargaming beim Centre d’Histoire et de Prospective Militaires (CHPM) und Doktorand im Bereich Sicherheits- und Verteidigungsdiplomatie an der Universität Freiburg.
Ein grundlegender Unterschied, der häufig übersehen wird, liegt in der begrifflichen Abgrenzung zwischen Wargaming, Simulationen und Manövern. Während Simulationen quantitative Modelle reproduzieren und technische Systeme abbilden, konzentriert sich das Wargaming auf qualitative Ergebnisse menschlicher Entscheidungsprozesse. Es geht nicht darum, vorherbestimmte Szenarien abzuspielen, sondern einen Raum zu schaffen, in welchem Teilnehmer nah am realen Entscheidungsverhalten agieren können, ohne reale Konsequenzen befürchten zu müssen. Diese safe-to-fail Umgebung ermöglicht es, mentale Modelle zu hinterfragen, verborgene Annahmen offenzulegen und intellektuelle Flexibilität systematisch zu trainieren. Damit unterscheidet sich das Wargaming fundamental von Simulatoren, die primär individuelle Fertigkeiten vermitteln, oder von Feldübungen, welche vor allem Disziplin und Technisches testen.
Die historische Perspektive verdeutlicht eine paradoxe Situation im Schweizer Kontext. Bereits im späten neunzehnten Jahrhundert etablierte sich durch den Einfluss preussischer Militärtheorien Kriegsspiel-Praxis in den Offiziersgesellschaften. Institutionelle Widerstände verhinderten jedoch eine systematische Integration in der Armee und darüber hinaus. Statt eine eigenständige Theorieentwicklung voranzutreiben, verliess man sich fortan auf importierte Modelle aus Deutschland, England und später den Vereinigten Staaten. Die Folge war ein schleichender Verlust indigener Expertise, während andere Nationen wie die USA mit dem Naval War College dauerhafte Kompetenzzentren aufbauten. Dieser institutionelle Verlust führte dazu, dass die Schweiz insbesondere während des Kalten Krieges quantitative Modellierung priorisierte und dabei die explorativen, kreativen Dimensionen des Wargamings vernachlässigte – genau jene Aspekte, die heute für das Erkennen unvorhergesehener Bedrohungen essentiell wären.





Alle Bilder von ©infowargame.
Welche Funktion könnte eine revitalisierte Wargaming-Kultur erfüllen? Man identifiziert vier Kernbereiche. Erstens wirkt sie als Sozialisationsmechanismus, indem sie Militärs, Politiker und Analysten in gemeinsame Denkweisen integriert. Zweitens fungiert sie als Innovationsbeschleuniger, da neue Konzepte etwa im Bereich hybrider Konflikte oder künstlicher Intelligenz risikofrei getestet werden können. Drittens stärkt sie gesellschaftliche Resilienz, wenn strategische Diskurse demokratisiert werden und über militärische Eliten hinausreichen. Viertens fördert sie Selbstreflexion und intellektuelle Flexibilität, indem sie Zwang schafft, eigene Annahmen explizit zu machen und ihre Validität zu überprüfen. Diese Funktionen zusammengenommen bilden ein kognitives Fundament, welches reine Ausbildung allein nicht leisten kann.
Wargaming als Sozialisationsmechanismus, als Innovationsbeschleuniger, als Werkzeug zur Stärkung der gesellschaftlichen Resilienz und als Förderungsmittel für intellektuelle Flexibilität.
Aktuelle Entwicklungen deuten jedoch auf eine Wendung hin. Seit 2022 betreibt das Centre d’Histoire et de Prospective Militaires (CHPM) in Pully eine Arbeitsgruppe namens #infowargame, welche Fachkräfte, Wissenschaftler und Liebhaber von Wargames zusammenbringt. Parallel bildete sich innerhalb des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) ein informelles Netzwerk praktizierender Akteure, bekannt als Serious Games Network Defence (SGND). Solche Communities of Practice stellen wichtige Katalysatoren dar, denn nachhaltige Kultur entsteht nicht durch isolierte Veranstaltungen, sondern durch kontinuierlichen Austausch unter Engagierten. Dennoch bleiben strukturelle Herausforderungen bestehen: Fehlende Doktrinen, mangelnde pädagogische Kontinuität und limitierter Zugang zu spezialisiertem Personal erschweren flächendeckende Implementierungen.
Wichtig ist dabei die frühe Exposition gegenüber Wargaming und Spieldesign, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Langfristig muss das Methodentool in breitere interdisziplinäre Forschungskreise eingebettet werden, damit Wargaming als Mittel kritischer Reflexion komplexer Realität dienen kann.
Am Ende steht eine provokante Einsicht im Mittelpunkt: In der realen Strategie sind die grössten Risiken nicht die bekannten Bedrohungen, sondern diejenigen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Wargaming hilft, diese Black Swans frühzeitig zu erkennen. Für die Schweiz bedeutet dies konkret, vergangene Leistungen neu anzuerkennen, eigene militärtheoretische Traditionen wiederzufinden und gleichzeitig zeitgemässe Praktiken internationaler Partner zu adaptieren.
Anders als bei der historischen Flussüberquerung am Rubikon durch Julius Cäsar bleibt das Spielfeld offen: Wargaming als Raum strategischer Entscheidungsfreiheit. Hier können Handlungsoptionen geprüft und Konsequenzen abgeschätzt werden, ohne irreversible Schritte zu setzen.
Die Würfel sind eben noch nicht gefallen.

