Wargaming erlebt derzeit in zahlreichen Streitkräften eine Renaissance. Armeen nutzen professionelle Wargames nicht mehr ausschliesslich zur Operationsplanung und -überprüfung (analytischer Charakter), sondern zunehmend auch als Instrument zur Ausbildung und zum Training (edukativer Charakter) sowie zur Konzeptentwicklung und Validierung neuer Fähigkeiten (experimenteller Charakter).

Stefan Lehmann ist nebenberuflich Game Designer, leidenschaftlicher Rollen- und Brettspieler, kreativer Kopf und mehr. 2023 erschien sein erstes Spiel für die Schweizer Armee, Cyber Shield. 2024 folgte im Rahmen der eigenen Firma Brain Food Games GmbH sein Zweitling Data Theft, was den Start eines eigenen Game Systems einläutete.
Gemäss NATO-Verständnis dient Wargaming als methodisches Werkzeug zur Analyse komplexer Zusammenhänge, zur Entwicklung von Führungspersönlichkeiten sowie zur Überprüfung neuer Konzepte und Doktrinen. Der didaktische Mehrwert liegt insbesondere im iterativen Lernen unter Entscheidungsdruck, in der Förderung vernetzter Denkweisen sowie im kontrollierten Testen von Handlungsoptionen. Verschiedene Handbücher (NATO, Bundeswehr, Grossbritannien) definieren dabei zunehmend professionelle Anforderungen an Design, Moderation und analytische Auswertung solcher Systeme.
Besonders im Umfeld von domänenübergreifenden Operationen (Multi-Domain Operations – MDO) – also dem abgestimmten Einsatz von Wirkungen in Boden-, Luft-, Maritimer, Welt-, Cyber-, Informations- und elektromagnetischen Räumen und die Synchronisierung der nicht-militärischen Aktivitäten – gewinnt diese Vorgehensweise zunehmend an Bedeutung.
Parallel dazu zeigt sich, dass analoge Wargames gegenüber rein computergestützten Simulationen weiterhin erhebliche Vorteile besitzen: Sie sind flexibler anpassbar, kostengünstiger, transparenter in ihren Wirkmechanismen und fördern die direkte Interaktion zwischen den Teilnehmenden.

Bedürfnisse Schweizer Armee und Kommando Cyber
Seit Winter 2024/2025 wurde im Rahmen verschiedener Milizdienstleistungen die Thematik „Kriegsspiel als didaktisches Mittel“ innerhalb des Milizstabs Kommando Cyber vertieft untersucht. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass insbesondere im Cyber- und elektromagnetischen Raum (CER) ein praktikables Instrument fehlte, um Varianten aus der Aktionsplanung realitätsnah und iterativ überprüfen zu können.
Das Bedürfnis nach solchen Werkzeugen nahm insbesondere im Verlauf des Jahres 2025 deutlich zu. Gründe dafür waren unter anderem:
- die Weiterentwicklung der Einsatzdoktrin verlegefähiger Cybermittel,
- die Ausbildung von Cyber-Kadern,
- die Validierung neuer Konzepte,
- sowie die Weiterentwicklung der Ordre de Bataille des Cyber Bataillons 42 (Cy Bat 42).
Gerade im Cyberbereich bestehen besondere Herausforderungen: Viele Effekte sind zwar schwer sichtbar oder nachvollziehbar, betreffen jedoch alle Domänen. Gleichzeitig entstehen starke Abhängigkeiten zwischen kinetischen und nicht-kinetischen Wirkungen.
Ein modernes Wargame bietet hier die Möglichkeit, komplexe Wechselwirkungen einer MDO sichtbar zu machen und Entscheidungsprozesse unter realitätsnahen Bedingungen zu trainieren.
Im Zentrum stand deshalb die Suche nach einem bestehenden System, das mit möglichst geringem Aufwand auf Schweizer Bedürfnisse angepasst werden kann, ohne eine vollständig neue und kostenintensive Eigenentwicklung starten zu müssen.
Das MDBO der Bundeswehr als Chance
Das professionelle Wargame der Bundeswehr „Multi-Domain Brigade Operations“ (MDBO), entwickelt von Oberstleutnant Altmann und Major Jacobi, könnte hierfür eine geeignete Ausgangslage bilden.
MDBO ist ein rundenbasiertes Wargame auf Hexagonbasis mit Blocks, wie sie üblicherweise bei Columbia Games oder GMT Games verwendet werden. Während taktische Verbände der Bodentruppen direkt auf der Karte dargestellt werden, erfolgen operative oder nicht-kinetische Effekte über spezifische Spielkarten und abstrahierte Systeme (sogenannte Joint Capability Cards, JCC). Der Cyberraum wird beispielsweise über vereinfachte Netzwerkstrukturen simuliert.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Verknüpfung verschiedener operationeller Domänen. Dadurch sollen insbesondere Silodenken zwischen Truppengattungen und Fachbereichen reduziert sowie ein integratives Verständnis moderner Gefechtsführung gefördert werden.
MDBO basiert konzeptionell auf einem ursprünglich für das US Marine Corps entwickelten Design von Sebastian Bae im Kontext von „USMC Force Design 2030“. Eine vereinfachte kommerzielle Variante ist unter den Titeln „Littoral Commander: Indo-Pacific“ (LC:IP) sowie „Littoral Commander: The Baltic“ (LC:B) verfügbar. MDBO selbst rekalibriert dieses Grunddesign jedoch auf europäische Einsatzrealitäten und moderne Multi-Domain-Operationen auf Brigadestufe und modelliert diese anhand heutiger Einsatzmittel und -verfahren.
Für die Schweizer Bedürfnisse sprachen:
- der neue Kartenmassstab von 5-km-Hexagonen (anstelle von 20 km), welcher sich gut für die obere taktische bis operative Stufe eignet,
- die Ähnlichkeit zahlreicher eingesetzter Systeme zwischen Deutschland und der Schweiz (z. B. beim Kampfpanzer),
- die Kompatibilität der dargestellten Bedrohungsszenarien mit aktuellen Schweizer Übungsannahmen (ähnlicher Modellgegner),
- sowie die vergleichsweise einsteigerfreundliche Regelkomplexität.
MDBO reduzierte die Regeln von LC bereits auf 40 Seiten (anstelle zum Beispiel ca. 100 von LC:B).
Auch die bestehenden deutschen Ausbildungsziele erwiesen sich als weitgehend kompatibel mit Schweizer Bedürfnissen:
- Verständnis moderner Einsatzgrundsätze fördern;
- Kenntnisse zu domänenübergreifenden Operationen vertiefen;
- Gegnerverständnis stärken;
- Einsatzraumkompetenz verbessern;
- Entscheidungsfähigkeit durch iteratives Lernen fördern.
Im Herbst 2025 wurde die Weiterentwicklung einer Schweizer Variante durch den Stabschef Kdo Cy bewilligt. Parallel dazu erfolgte der Austausch mit den Originalautoren aus Deutschland und Amerika sowie die Einbindung relevanter Fachstellen und Ausbildungsvertreter (insbesondere der Generalstabsschule in Kriens).

Alpine Commander
Die Entwicklung von Alpine Commander (AC), dem Arbeitstitel für die Schweizer Version, basiert auf folgenden Design-Grundsätzen:
Maximale Erhöhung der Miliztauglichkeit durch Reduktion auf das Wesentliche.
Dafür wurden die generischen Regeln von MDBO analysiert, weiter reduziert und Redundanzen entfernt, sodass nur noch rund ein Dutzend Seiten für den Einstieg ins Spielsystem notwendig sind. In der Essenz ist ein Aufbau des Know-hows von AC über MDBO bis hin zu LC:IP/LC:B möglich; die Integration neuer Ideen funktioniert auch in die andere Richtung. Dadurch können die Vorteile der gesamten Spielfamilie genutzt werden.
Umgang mit Tarnung und Täuschung.
Im Vergleich zu MDBO mit einem einzigen Szenario-Handbuch werden zwei Szenario-Handbücher – eines pro Spielerteam – eingeführt. Dadurch werden beiden Seiten unabhängig und geheim Operationsziele, Zwischenziele und optionale Szenario-Regeln vermittelt.
Komplexität modular einbauen und nur bei Bedarf.
Besondere Systeme und Operationssphären bedürfen besonderer Regeln. Diese ergeben jedoch vor allem in der Ausbildung spezifischer Zielgruppen oder bei der Überprüfung bestimmter Sachverhalte Sinn. Deshalb sind für AC-Module für Cyber, EKF, Logistik, Gebirgskampf usw. vorgesehen. Dabei wird keine vollständige Kompatibilität aller Module angestrebt: nur so viel wie notwendig, so einfach wie möglich, ausgerichtet auf das gewünschte Zielpublikum und mit messbarem Lernziel. Im Sinne der Einfachheit, aber dadurch sehr kompatibel mit dem bestehenden System, werden bestimmte JCC pro Modul aus dem Spiel herausgenommen und durch das zusätzliche Modul ergänzt.
Problemstellungen
Während der Bearbeitung der Grundlagen ergaben sich aus Sicht des Designerteams von AC (Dr. Stefan Lehmann und Oberstlt i Gst Gregor Hänggi) mehrere Punkte, die zwar kleine, aber feine Verbesserungen benötigten.
Stacking
MDBO übernahm das Stacking-Limit noch aus LC (5 Blocks pro Hex). Durch die Reduktion der Hexagon-Fläche ergaben sich daraus jedoch unrealistische Bilder, wie z. B. fünf Panzerbataillone in einem Hex. Um die Kompatibilität zu den anderen Systemen dennoch zu erhalten, wurde die Kapazität der Hexagone in AC vom „Gewicht der Mittel“, der Einsatzform und der Mannschaftsstärke abhängig gemacht. Damit wird die Summe der Lebenspunkte der anwesenden Blocks zum Kriterium (in der Regel 5 Lebenspunkte pro Hex).
Schweizer Gelände
Im Vergleich zum eher flachen Gelände im Baltikum, in welchem MDBO angesiedelt ist, ist die Landschaft der Schweiz zerklüftet, gekammert und anspruchsvoll. Zudem bietet sie nach Einschätzung der Autoren von AC mehr Vorteile für den Verteidiger, was eine neue Tabelle für die Wirkung mechanisierter und gepanzerter Wirkmittel erforderlich machte. Dadurch werden Bewegungspunkte, Kampfeffektivität und Einschränkungen der jeweiligen Truppentypen besser berücksichtigt. Ein besonderes Augenmerk galt auch der Bewegung auf Strassen oder im Gelände sowie der Überquerung von Wasserläufen, was zu zusätzlichen Regeln führte.
JCC-Karten-Anpassung
Mehrere JCC-Karten beziehen sich auf Systeme und Waffen, welche der Schweizer Armee nicht oder nur im Rahmen von Kooperationen zur Verfügung stehen. Die Neubewertung aller Karten ist deshalb ein kontinuierlicher Prozess. Dadurch besteht in AC auch die Möglichkeit, noch fehlende Mittel zu modellieren und deren Wirkung mit sehr geringen Kosten „auf dem Reissbrett“ zu überprüfen – ideal für die Projektinitialisierungsphase.
Modellgegner
Zwar gehen MDBO und AC vom gleichen Gegner aus, doch in der Ausprägung des Modellgegners ergeben sich unterschiedliche Ansätze. Die ORBAT der Gegenseite sind in AC auf die bestehenden Ausbildungsmodelle der Schweizer Armee ausgerichtet. Damit ist insbesondere dieser Teil von MDBO nicht kompatibel, bietet jedoch spannende gedankliche Ansätze zum Vergleich der Gegnerdarstellung – ein möglicher Mehrwert für Doktrin- und Kaderausbildungsstellen.
Munitionsverbrauch und Kriegslogistik
Bei LC und in der Grundversion von MDBO wird der Munitionsverbrauch stark abstrahiert dargestellt. Dadurch ist ein jederzeitiges „All-in“ möglich – theoretisch denkbar, jedoch keiner sinnvollen Einsatzdoktrin entsprechend. Die optionalen Regeln von MDBO, welche die Verbrauchsraten deutscher Waffensysteme berechnen, werden in AC konsequent integriert und weiterentwickelt, damit die Bedeutung der Kriegslogistik nicht verfälscht wird.
Ausblick
Aktuell liegt AC in einer spielbaren Version vor und wird einem Playtesting unterzogen. Das System wird dem breiteren Fachpublikum im September anlässlich von Fachtagungen vorgestellt und soll im Verlauf des Jahres 2027 in der Ausbildung der Truppe eingesetzt und evaluiert werden.

